maenner

Vier Männer
Erzählungen

Leipziger Literaturverlag

2007

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Wieder war es Winter in Berlin, und das Heizen des Ofens, der nicht besonders funktionstüchtig war, nahm morgens unberechenbar viel Zeit in Anspruch. Da er alleine wohnte, konnte er nicht gehen, bevor die Kohlen durchgeglüht waren und er die Klappe am Ofenrohr schließen konnte. Lediglich das Zimmer, nicht aber Küche und WC waren beheizbar, er führte einen ständigen Kampf gegen die Vereisung der Rohre. Die Einfachfenster, wie sie in Hinterhöfen üblich waren, die den Blick auf das Brachland hinter dem Haus eröffneten, waren nicht geeignet, den kalten Wind abzuhalten. In dem von seinem Vorgänger dunkelblau lackierten WC gab es nur ein Mini-Handwaschbecken mit kaltem Wasser. Der Warmwasserboiler in der Küche sollte repariert werden, das geschah aber nicht, und so musste er, wenn er sich waschen wollte, regelmäßig in das Schwimmbad seines Bezirks gehen, wo man noch lange, als dies andernorts schon nicht mehr üblich war, 10er-Karten für ein Wannenbad lösen konnte.
Zu den Instituten, an denen er studierte, war der Weg weit und umständlich, sie lagen verstreut und ohne Auto schwer erreichbar voneinander entfernt. Es schien ihm fast unmöglich, irgendwo pünktlich anzukommen. Oft hatte er völlig zerrissene Tage, ein Seminar früh morgens, eins am Nachmittag, und lungerte zwischendurch in diesem Bezirk herum: Dahlem, wo man im Sommer noch im Park sitzen mochte, im Winter aber sich wie ein armer Schlucker zwischen den Villen der Reichen fühlte, von denen einige im Besitz der Universität waren und wo gerade die Fachbereiche untergebracht waren, die ihn interessierten. Eine beginnende Lustlosigkeit hinderte ihn daran, die Zwischenzeiten in Bibliotheken zu verbringen. In Kunstgeschichte konnte man fast nur Renaissance studieren, und der kranke Professor lief weg, wenn man ihn auf dem Gang mit Namen begrüßte. Die Studenten, mit denen er in Kontakt kam, sah er außerhalb der Universität nicht mehr wieder, jeder lebte für sich und woanders. Noch bevor er am Institut für Judaistik den richtigen Dozenten für die Betreuung seiner Abschlussarbeit über den Salomonischen Tempel gefunden hatte, war ein Grad von Vereinsamung erreicht, der ihn zu einem fast vollständigen Rückzug führte. Mit Heizen, Fenster-Abdichten, Rohre-Enteisen, Ins-Schwimmbad-Laufen, Frank Zappa und Free Jazz verbrachte er einen Winter im Wedding, den sich in seiner Heimat keiner vorstellen konnte. Ein Gefühl beschlich ihn, als sei hier der Krieg noch nicht lange vorbei. Die Lebensäußerungen der Bewohner um ihn, die wie er die Straßen zu meiden schienen, bestanden aus lautem Streiten, das manchmal aus den Wohnungen drang. In den Männerstimmen klang eine Brutalität und in den Frauenstimmen ein zum Schlagen aufforderndes Zetern durch. Unten im Quergebäudes auf seinem Hof brannte es einmal; eine junge Frau kam dabei ums Leben, er konnte nicht aufhören darüber nachzudenken, warum es der Frau nicht gelungen war, aus der Erdgeschosswohnung zu fliehen. In seiner eigenen möbellosen Wohnung wuchs in Küche und WC eine Kruste des Lebendigen und in dem Zimmer ein Chaos heran, das er in WG-Zeiten mühsam zurückgehalten hatte, das er aber seit Kindertagen zu seinen unüberwindlichen Eigenarten zählte. Unter den herumliegenden Papieren fand er einmal die Ablehnung der Düsseldorfer Kunstakademie, die noch aus der Zeit vor seinem Studium stammte; er verbrannte sie im Ofen und blätterte lange in dem letzten Ausstellungskatalog seines Kunstlehrers, der sich mit dem Schuldienst mühsam herumgeschlagen hatte und kürzlich gestorben war. Und er wurde Kunde des kleinen verdreckten Supermarkts an der Ecke, in dem schlecht riechende Männer vormittags einen Becher Joghurt oder einen Apfel und mehrere Flaschen Bier, Korn oder Weinbrand kauften, Männer, denen es viel schlechter ging als ihm selbst.

(Aus: Der Berg Morija)


Vier Erzählungen von vier Männern in Krisenzeiten ihres Lebens. Längere Momentaufnahmen, Porträts vom Leben in der Mauerstadt West-Berlin.