Ich werde falsche Angaben machen. Ein Spiel vom Sterben

Hier ist alles.
Alles versammelt.
Täglich eine Ortsbestimmung, richte dich
auf deinem Meere ein.
Denke nicht an Werke.
Achte auf den Wind.
Wenn jemand da ist, werde ich unruhig.
Was habe ich noch zu tun.
Geschäftsmäßig, was ich noch zu erledigen habe.
Noch ist der Himmel blau.
Um uns
gehen die Geschäfte zu Ende.


Die Stimmen dieses Textes können so aufgefasst werden, als ertönten sie in einer einzigen Person, als polyphoner Monolog, kleines Welttheater im Kopf. Sie können aber auch auf drei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler (oder auf mehr, oder auf weniger) verteilt werden, wobei zwei Frauen Parallelfiguren und verschiedene Alter der weiblichen Hauptfigur wären.
Die Vorgänge sind tastend. Der Ablauf ist nicht schnell. Zwischen den Repliken ist Zeit/ Raum notwendig. (Vorbemerkung)



„Ich arbeite daran, Rollen aufzulösen. Also nicht Klischees aufzubauen, um sie dann zu zerstören, was ja auch eine Möglichkeit ist, sondern Klischees gar nicht erst aufzubauen, so weit das überhaupt geht.
(...)
’Ich werde falsche Angaben machen’ setzt voraus, dass man überhaupt Angaben machen muss, und das Aufbegehren setzt voraus, dass man akzeptiert, dass man Angaben machen wird. Im ganzen Satz steckt der Zwang von Subjekt – Prädikat – Objekt, ein logischer Zwang der Sprache. Dadurch ist man immer schon in einen Prozess verstrickt, in den Prozess der Rationalisierung, des Abschneidens von Unvollständigem, von Assoziationen, von allem, was in einen verständlichen Satz nicht hineinpasst, aber eigentlich unter ihm liegt und ihn durchspült oder ermöglicht. Und auch gleichzeitig da ist. Durch die Rationalität unserer Sprache sind wir permanent in diesen Prozess verstrickt, in dem man richtige oder falsche Angaben machen muss.
(...)
Der Hinweis ‚Kleines Welttheater im Kopf’ nimmt die Bezeichnung ‚Spiel’ im Untertitel wieder auf, ‚Ein Spiel vom Sterben’. Der ‚Jedermann’ beispielsweise führt diesen Untertitel auch. ‚Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes’ heißt es da. Die Bezeichnung ‚Spiel’ kommt aus dem christlichen Volkstheater des Mittelalters, und die religiösen Fragen leben in individualisierter Form weiter.
(...)
Das Spiel handelt vom Sterben und konfrontiert mit Zuständen, mit Erinnerungen, die dann als Erinnerungsszenen ihre Handlung haben, und das Sterben selbst ist auch eine Handlung. Es hat seine aktive Komponente. Es wird hier nicht nur stumm gelitten, sondern es wird gefochten.“

(Aus einem Gespräch mit dem Chefdramaturgen Dietmar Goergen)



Preis beim Stückewettbewerb 2000 des Theaters der Landeshauptstadt Magdeburg und Uraufführung: Theater der Landeshauptstadt Magdeburg am 30.9.2000
in der Regie von Helmut Palitsch.
Aufführungsrechte: Drei Masken Verlag GmbH München »