fahrtinsweisse

Die Fahrt ins Weiße
Erzählungen

Verlag Engelbecken

1997

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Jane konnte sich an einen Entschluss nicht erinnern. Mary dagegen schon; es war Anfang Juni gewesen, die Sonne leuchtete weit ins Jahr hinein, als Jane sich auf dem Ausflugsdampfer einen Knopf von der Bluse riss.
Von da an war es ärgerlich mit Jane. Genauer gesagt, nicht mit ihr, sondern mit der natürlichsten Seite von ihr, der Seite, um die es geht, wenn etwas Essbares in einen gelangt und hinten wieder verlässt. Die arme Mary konnte sich nicht genug darüber erregen, welche Aufmerksamkeit Jane seit diesem Junitag dem Essen zukommen ließ. Jane aß immer weniger. Sie hatte, wie die Freundin zusammenfasste, „den ziellosen Hunger auf den Teller gebannt“.
Jane und Mary lebten in einer Mietswohnung im fünften Stock. Wenn es die Mauer nicht gegeben hätte, wäre hier der Berliner Süden in Peripherie ausgefranst, aber so gab es immer einen Halt von der Zone her. Die Frauen liebten die Wohnung. Sie nannten sie „die Wohnung unterm Himmel“.
Das beste war die sonnige Essecke in der Küche. Man konnte ins Wohnzimmer sehen oder zum Fenster hinaus bis zum Sportplatz oder die Geräte in der Küche betrachten. Der orangefarbene Vorhang, mit dem man die Essecke abteilen konnte, war immer neben der Gefriertruhe zusammengebunden und gab den Blick frei auf die blassgelben Einbauschränke links, auf den Herd und die große verchromte Spüle rechts, die immer viel poliert werden wollte. Man sah die Garderobennische im Flur, ein wenig von der stachligen braunen Auslegware und, wenn man sich vorbeugte, sogar das kleine dunkle Zimmer, hinter dessen Fenster die Flugzeuge stiegen.
Die Freundinnen standen morgens gemeinsam auf. Während Mary sich für den Tag rüstete, machte Jane das Frühstück. Wenn Mary eine Zeitung abonniert hätte, wäre Jane zum Briefkasten gegangen, aber Mary las keine Zeitungen. Ihr Inhalt, sagte sie, reicht nicht bis heute abend. Häufig redete Jane während des Frühstücks über die fehlende Zeitung, darüber, dass sie froh war, dass die Zeitung fehlte, man von fehlen also gar nicht sprechen konnte. Sie konnte darüber reden, ohne nachzudenken, und einen Singsang verbreiten, so dass die Freundin nicht bemerkte, wie sie ihr Butterhörnchen im Mülleimer verschwinden ließ. Meist war Mary ganz und gar in ihr eigenes Butterhörnchen vertieft, das der letzte Eindruck von zu Hause für den langen Tag sein würde.
Während Mary in der Lohnbuchhaltung saß, langweilte sich Jane nicht im geringsten. Putzen war das eine. Jane verwandte äußerste Sorgfalt auf das Putzen. Sie machte alles und vergaß keinen Vorgang, der im Haus zu Sauberkeit führen musste. Es war ja möglich, dass Mary, wenn sie von draußen kam, die Wohnung genauer wahrnahm. Eine ganze Reihe von Frauen, von denen Jane gehört hatte, putzten der Außenwahrnehmung wegen ewig. Jane jedoch hatte keine Lust, sich dermaßen die Zeit zu verderben. Wenn sie fertig war, sagte sie laut: „Fertig!“ und gönnte sich etwas, zum Beispiel an einer Balkonblume zu riechen.


Sechs frühe Erzählungen über die Schwierigkeit, unversehrt in die Wirklichkeit zu gelangen.