Schwerdgeburth. Komödie in 2 Akten. (1994)

Victoria:
Man muss sich anstrengen, dass die innere Masse wächst. So hat deine Großmutter immer gelebt. Man ist was man isst. Vor allem müssen die Eingeweide fest im Körper sitzen. Stell dir vor, sie kollerten irgendwo zwischen Steiß und Luftröhre, während du die Straße überquerst, oder schlackerten nach rechts und nach links, wenn du beim Bäcker zwischen zwei Vitrinen stehst und du bist nicht sicher: guckt etwa gleich ein Zipfel deiner Lunge dir durch den Nabel auf die Finger? Man muss mehr und mehr nach innen zusammenwachsen. Ich bin mein Leben lang mit der Feinmaschigkeit beschäftigt.
Julie: Ich liebe dein Nachthemd, Großmutter!
Victoria: Das Gewebe wird eng und enger. Wenn eine Masche fällt, geht der Riss durchs ganze Textil. Es muss dicht und gleichmäßig sein, damit man nicht hängt in seinem eigenen Seil.
Julie (steht auf und geht an den Herd zu Victoria): Sie kommt und kommt nicht wieder, die Mami.
Victoria: Macht nichts. So hast du gelernt, wie man den Griesbrei kocht. Du lernst überhaupt am meisten von der Welt, wenn die Mami nicht da ist.
Julie: Aber sie bringt doch den Holunder?
Victoria: Ja, ja.


Drei Frauen, drei Generationen. Die übermächtige Großmutter lädt zur „Schlacht der Schüsseln“, nur in einem Wettessen will sie sich besiegen lassen und den Familienvorsitz abgeben.
Julie: Gib’s Gott! Gib’s mir! Ich esse alles!


Frei zur Uraufführung.
Aufführungsrechte: Drei Masken Verlag GmbH München »