Marlon Brando auf Tahiti. Vier Szenen.

Die Polizistin:
Vorgestern gab es unten einen Film. War ein gemütlicher Abend. Fernsehen auf Tahiti, aber was soll man machen bei dem Wetter? Ich erzähle Ihnen jetzt den Film, inzwischen können Sie Ihre Sachen packen.
Die schöne Frau: Meine Sachen?
Die Polizistin (kramt in der Schublade des Tisches herum und fördert persönliche Dinge der Frau ans Tageslicht): Sie müssen mitkommen. Zur Polizei. Interpol. Interpol auf Tahiti. Die suchen Sie vielleicht. Vielleicht auch nicht. Jedenfalls der Film. Da wurde eine Frau wiederbelebt. Sie war eigentlich schon ertrunken, tot, weggeblieben eben. Das U-Boot lief voll Wasser und es gab nur eine Taucherausrüstung und ein Sauerstoffgerät und da sagt sie zu dem Mann: Du bist der bessere Schwimmer von uns beiden. Ich werde ja bloß ohnmächtig, meine Körperfunktionen laufen noch eine Viertelstunde weiter, du musst mich wiederbeleben.
Die schöne Frau: Ich muss mitkommen?
Die Polizistin: Ja, ja, mitkommen, klar.
Die schöne Frau rührt sich nicht.
Die Polizistin: Er ist ein guter Mensch, sagt: wir beide oder keiner von uns, sträubt sich, aber nur kurz, denn das Wasser steht ihnen schon bis zum Hals, er stülpt sich also den Taucherkopf über, Sie wissen schon, sieht aus wie ein Fernseher, darin bloß der Kopf, der Luft kriegt, sie atmet inzwischen noch die letzten Zentimeter unter der Decke des Bootes ein und schreit: Es war doch keine so gute Idee! Aber das kann er schon nicht mehr hören in seinem Fernseher, und jetzt ist sie auch unter Wasser, sie starren sich an, man fragt sich stirbt er jetzt oder sie, sie küsst den Fernseher, oh Gott oh Gott, sie küsst immer wieder die Scheibe solange sie noch Luft hat, sie muss sich eben beschäftigen, nicht wahr, dann nimmt sie einen großen Schluck Wasser – und ist weg.
Die schöne Frau (hat sich immer noch nicht gerührt): Ich bin gleich fertig.
Die Polizistin: Moment. Das Beste kommt noch. Sie haben sich eigentlich nicht geliebt vorher. Das heißt, ich weiß es nicht genau, wir haben uns erst später zugeschaltet, aber sie haben einen schweren Beruf, wissen Sie, Unterwasserbomben entschärfen und so, da hat man natürlich keine Zeit für die Liebe, und außerdem ist er immer ganz besonders gut gepanzert, ein Mann für schwere Fälle. Aber jetzt liegt sie auf Deck und fünf Leute um sie herum, Elektroschocks, Geschrei, Beatmung, sie bleibt ganz blau und kommt nicht wieder. Und jetzt er. Die anderen haben sie schon aufgegeben. Let her go, sagt einer. Und jetzt er. Ohrfeigt sie. Einmal, zweimal, dreimal. Die anderen ganz betreten, denken: Der will sich nicht das Leben retten lassen, verständlicherweise, denn was macht er dann mit dem geretteten Leben, kannst du auf den Müll schmeißen. Aber er liebt sie. Das sieht man jetzt ganz deutlich. Er prügelt sie ins Leben zurück. – Am Ende wird sie natürlich seine Frau. –
Wie finden Sie das?
Die schöne Frau: Ganz schön eigentlich.
Die Polizistin: Ich auch.


„Ein Text, der heiß macht wie zuviel kalter Nordhäuser Korn. Ein bös funkelnder Kristall“

(Friedemann Krusche, Theater heute)



Uraufführung: Theater Nordhausen 1998 in der Regie von Nina Tanneberger
Aufführungsrechte: Drei Masken Verlag GmbH München »
Abdruck in: Die Lehre der Fremde – Die Leere des Fremden. Prosa, Lyrik, Szenen & Essays. Texte zum 2. Würth Literaturpreis. Herausgegeben von Curt Meyer-Clason, Joao Ubaldo Ribeiro und Jürgen Wertheimer. Tübingen, Konkursbuchverlag Claudia Gehrke 1997.