evakuierung

Evakuierung
Roman

Cover von Anne Neukamp

Leipziger Literaturverlag

2007

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Und die Puhdys spielen in Kamenz Karat spielt in Dresden und das Gehalt des Flutkoordinators bringt nachträglich bald den Oberbürgermeister zu Fall. Über den Mann den keiner kennt macht noch nicht einmal das Kabarett Witze er stellt sich ins Einkaufszentrum zur Probe doch niemand grüßt den Operettenfan das Land Sachsen klagt ihn an wegen Beihilfe zum Bankrott das Gehalt des Flutkoordinators das Gehalt des Flutkoordinators das Kind kreischt im Hintergrund wie ein Papagei.

Und während Winnetou wieder aussteigt aus dem Kanu ziehen in Großenhain bei Dresden bereits die Landsknechte durch das Dorf.
Gehen wir zum Schwedenspektakel, sage ich ein bunter Landsknechtshaufen zog marodierend plündernd und vergewaltigend durch die Stadt um an die zweimonatige erfolglose Belagerung im Dreißigjährigen Krieg zu erinnern, zitiere ich sinngemäß die Zeitung während im Hintergrund die weltlichen Kantaten von Bach laufen das war gestern und heute ist Feldlager und großes Scharmützel.
August lebe! ruft der Chor.
Augustus’ Namenstages Schimmer verklärt der Sachsen Angesicht! singt der Bariton.
Sechzigjähriger Frieden und Dreißigjähriger Krieg zwölfjährige Katastrophe ich bin ganz durcheinander, sagt Jan.
Der Ex-König ich meine Biedenkopf hat den Ministerpräsidenten seinen Parteifreund zum Rücktritt aufgefordert Familienfehde Schwiegersohnbeschimpfung das war vorgestern, sage ich jetzt gibt es ein Duell zwischen Gestern und Heute die Heutigen müssen die Gestrigen zugleich relativieren und mythisieren der Übervater wird entmannt aber der Gründungsmythos von 1990 wird immer mit dem Namen Biedenkopf verbunden sein.
Nichts mehr von Biedenkopf nichts mehr von August dem Starken nichts mehr von Hess Speer Hitler im Fernsehen nichts mehr von Königen Präsidenten nichts mehr von Tätern und Wohltätern lassen wir uns nicht faszinieren, sage ich und schlage die Zeitung zu gehen wir angeekelt zu den Kostümschweden welche Alternative Marodieren war gestern heute also großes Scharmützel großes kleines militärisches Gefecht.
Als wir in Großenhain ankommen ist es Nachmittag und die Schweden sind müde. Die Schweden sind Tschechen und müssen noch nach Tschechien zurück. Sie bauen ihr Zeltlager ab und es gibt nicht einmal mehr etwas zu essen. Die Großenhainer schleichen lautlos durch die Kreisstadt als hätten sie noch etwas vor. Eine männergroße Frau kratzt sich unter der Achsel.
Jan fotografiert die letzten Zelte der Fremden die Zeltform er sammelt Formen ich sammle Wörter ich schreibe mir auf man kann in Großenhain Biertischgarnituren mieten. Jetzt bleibt uns nichts übrig als nach Dresden zurückzufahren und uns auf das Elbhangfest zu freuen, sage ich 700 Männer Frauen und Kinder werden das Opfer sinnreicher Bilder Schiller natürlich der die Dresdner hasste Albis der Elbgott dargestellt von einem Elbhangfesturgestein Elbgott Albhang Elbhangalbgöttermythos mit Körner Körnergarten mit Don Karlos hoffentlich auch mit Bratwurst, sagt Jan was interessiert dich eigentlich an Geschichte, frage ich im Moment, sagt Jan bin ich nicht schlimmer als alle mich interessiert ausschließlich wie hat die Bratwurst damals geschmeckt.


„Der beherrschte, amüsante Stil entfaltet auch wegen des weitgehenden Verzichts auf Kommata von Beginn an einen enormen Sog. Beinahe unbemerkt wird der Leser in die locker hingestreuten, häufig und schnell wechselnden Erzählinseln geworfen... Seinen Reiz bezieht das Buch zum einen aus der nachdenklichen Spiegelung der Lebenswelt, aber auch aus seinem lakonischen Humor. Der schraubt sich hier ausladend ins Phantastische und verdichtet sich dort in Aphorismen: ‚Alles hängt davon ab ob man die Gegenwart der Zukunft oder der Vergangenheit zurechnet.’ Die Reflexion ihrerseits weitet sich nicht nur vom Dresdner Künstleruniversum bis zu globalen Aspekten wie der Nachfolge von Päpsten und US-Präsidenten oder der Legitimität des hiesigen Kaufs südafrikanischer Birnen, sondern verengt sich auch auf das Buch selbst, oder besser: auf das Schreiben des Buches... Inhaltlich schlingt sich der Kurzroman um das Wunder der Geburt – oder die Evakuierung des Kindes aus dem Bauch... Das Dasein neuen Lebens wirft die Fragen dieses Buches auf.“

(Jan Wenke in Ostragehege)